Unsere grossen Wahrheiten

Ein Kasten aus Aluminium und zusammengeschweisste Elektroden. Aber eigentlich hab ich keine Ahnung aus was das Ding besteht, in welches ich bereits seit 7 Stunden hineingaffe.

Meine rechte Hand bewegt sich zentimeterweise über den Bürotisch. Oft bewegt sich auch mein rechter Zeigefinger und drückt diese künstliche Ding, welchem man ironischerweise einen Tiernamen gegeben hat.

Es ist heiss und ich habe viel zu viel an. Der Raum in dem ich mich befinde wird künstlich auf einer für den Menschen idealen Temperatur gehalten. Dafür wird die Luft so trocken, dass ich schon 3 Liter getrunken und mein rechtes Auge rot geschrubbt habe.

Nach 8 Stunden endet die “Pflicht”. 8 Stunden schlafen, rund 10 Stunden Pflicht (samt Vorbereitung). Bleiben neben lebenserhaltenden Massnahmen (Einkaufen, Wäsche und Geschirr waschen etc.) noch ein paar Stunden um bei ihr zu sein.

Wieder mal muss ich grinsen, wie wir Menschen alle Dinge, mögen wir noch so weit davon entfernt sein sie zu verstehen, versuchen aus unserem Blickwinkel zu betrachten und sie einzuordnen in uns bekannten Systeme (oder Schubladen).

Ich spreche von “ihr” – der Natur. Eigentlich sollte es für die Natur eine weiteres Geschlecht geben als er, sie oder es. Sie scheint mir so schön, so mächtig, stark und trotzdem gütig und sanft (uns “wohlgesonnt” – sonst hätte sie uns bereits längst abgeschüttelt) zu sein, dass sie sich ein eigenes Geschlecht verdient.

Es muss ein altes Wort, gereist durch die ganze Geschichte der Sprache, sein. Doch was sind schon Worte. Auch meine Zeilen sind der zwischen den Verpflichtungen des modernen Lebens kurz eingschobene Versuch eines kleinen Menschenkindes,  die unfassbare Realität in der wir leben, die Zufälligkeit unserer Existenz (und der des ganzen Universums) und die Magie des Augenblicks, etwas mehr zu verstehen. Und wenn ich es auch nicht verstehen kann, so möchte ich trotzdem jeden Tag so bewusst wie möglich fühlen.

Bewusstsein über die Zerbrechlichkeit und den ungeheuren Werte des Lebens. Bewusstsein darüber, dass wir nichts zu verlieren haben, da wir das Glück hatten überhaupt geboren zu werden.

Das Leben ist ein Geschenk. Es gehört nur uns selbst und wir sind niemanden gebenüber verantworlich was wir damit anfangen.

Bewusst werde ich mir nur wenn ich zurück kehre zu unseren Wurzeln. Wenn ich ausbreche, die mentalen Fesseln unserer Gesellschaft (ausgeführt von Dienern des Systems, die herausgenommen aus dem Ganzen eigentlich wie wir alle ganz nette Menschen sind) löse, die meinen Geist versklaven. Wenn ich mitten in IHR sitze (vielleicht ist die weibliche Form, als Leben schenkenden Wesen doch passend).

Und noch mehr wenn ich im Ozean sitze so wie gestern abend. Mitten in dieser Urlauge. Warum fühle ich mich dort so wohl in dieser Zone? 100 Meter vom Land entfernt. Wie auf meinem eigenen Schiff blicke ich auf die von der Hitze des Sommers gebräunten Hügel der Insel. Diese Gegend ist noch nicht verbaut und ich kann es kaum glauben, dass sie aus dieser Perspektive unbewohnt scheint.

Wieder einmal kommt dieses gemischte Gefühl aus einer unglaublichen Freude und Traurigkeit in mir auf. Ich sehe die Insel, wie sie die Ureinwohner bewohnt haben. Isoliert vom Weltgeschehen, wunderschön, still, friedlich, fruchtbar. Ein wohl leicht romantisch verklärter Blick auf die Art und Weise wie man früher auf der Insel lebte. Aber es ist mir egal, denn das was ich in diesen Momenten spüre, möchte ich in Zukunft in meiner eigenen Gesellschaft leben.

Der Wind bläst wie ein Orkan vom Land in Richtung Meer (was man unter Surfern “Offshore” nennt), was dazu führt, dass die Wellen sich noch mehr aufrichten und noch besser zu Surfen sind. Neben mir explodiert eine perfekt brechende Welle und Millionen von Wassertropfen lösen sich aus der Unendlichkeit der Wassertropfen und wirbeln durch die Luft.

Zwischen diesen Gemisch der Elemente sitzen noch zwei weitere Gestalten im Wasser. Doch da ich direkt gegen die Sonne blicke, sehe ich nur ihre Umrisse, umhüllt von einem fröhlich-wahnsinnigen Wassersturm. Meine beschreibenden Worte erscheinen mir wieder mal lächerlich oder bestenfalls “nicht befriedigend”.

Doch ich habe dieses Bild vor meinem geistigen Auge. Zu dritt sitzen wir in mitten des Atlantiks, einem pfauchenden und sich windenden Wesen. Er weiss, dass wir in ihm sitzen und es gefällt ihm. Er will uns nichts antun, wenn wir ihn respektieren. Es gefällt ihm, dass wir seine Kraft nützen um Spass zu haben. Es gibt ihm einen Sinn. Wir haben beide das gleiche Ziel und leben im gleichen Bewusstsein: ein rein gegenwärtiges.

Als ich noch vom sicheren Land aus auf diesen reissenden Fluss aus Salzwasser blickte, hatte ich noch Angst. Ich fragte mich: Warum tue ich mir das an? Habe ich das wirklich notwendig? Du bist doch schon viel zu alt für solche Spielereien. Solltest du nicht schon Kinder haben und aufhören dich “selbst zu befriedigen”? Hör doch auf zu suchen und nimm dir das nächstbeste, nette Mädel und begrab deine Sehnsuchten aus einem Berg an Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein.

Zwischen den Steinen blitzen einige langstachelige Seeigel hervor. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn sie sich in mein Fleisch bohren. Nochmal überlege ich mir, ob es nicht besser wäre, zum Lidel (Supermarktgeschäft) zu fahren – so hätte ich für die nächsten 3 Tage zu essen.

Ich stehe rund 5  Minuten am Ufer und gaffe auf das Treiben des Ozeans, welcher mir schallend und wahnsinnig ins Gesicht lacht. Dieses freie und unzähmbare Wesen scheint heute einen besonders gute Tag zu haben. Und irgendwie wäre sein Spass nicht komplett, wäre ich nicht dabei.

Ich weiss nicht ob es irgendein chemischer Prozess ist der in meinem Hirn in diesem Moment in Gang kommt. Ich weiss nur, dass plötzlich Sicherheitsgedanken, Faulheit und Selbstzweifel so schnell verdampfen wie in Tropfen Wasser im Zentrum der Sonne.

Ich grinse innerlich über mich selbst und spüre zugleich eine unglaubliche Freude, als ich mich selbst dabei beobachte wie ich bereits in Richtung des zuvor beschriebenen, goldenen Wassersturms paddele.  Es ist wieder passiert. Ich fühle mich “wahnsinnig” und vieleicht deswegen frei und bereit.

Alles wird mir wieder bewusst.

Hunderte, tausenden Stunden an Langeweile können nichts an der grossen und ewigen Wahrheit ändern.

Ich bin Herr über mein eigenes Leben. Es ist MEIN Geschenk. Was zählt ist der Augenblick und nicht so lange wie möglich in einer erstickenden, schmierigen und lähmenden Brühe aus Zweifeln, Angst und Fremdsteuerung zu leben. Und das schlimmste sich dessen gar nicht bewusst zu sein. Welcome to the Matrix.

Nur einen Moment richtig zu leben (jeder muss für sich selbst wissen, was das für ihn bedeutet) ist für mich mehr wert, als tausend Jahre eine leblose Marionette zu sein.

Zentriert schwebe ich zwischen den flüssigen Goldstaub den der entfesselte Wind von den Wellen bläst. Ich spüre meinen Herzschlag. Ich fühle mich verbunden zu meinen Urahnen. Ich spüre, dass sie alle da sind und sich freuen, dass ich auch das spüre, was sie früher jeden Tag spürten. Ich setzte mich zu ihnen ans Feuer und lache und spreche mit ihnen über die aufregenden Dinge, die uns der Tag beschert hat. Wir sind stolz, wie wir in dieser rauhen Welt dafür sorgen, dass es unseren Liebsten gut geht.

Ich freue mich mit ihnen darüber, dass wir am Ende des Tages immer noch alle dasitzen. Wir sind uns wirklich mit jeder Zelle unseres Verstandes und mit jedem Brennen unserer Gefühle BEWUSST, was es bedeutet am Leben zu sein.

Ich lasse los. Alles wird gut sein. Plötzlich rase ich stehend in den Abgrund der Welle. Meine Vernunft will, dass ich rausgehe aus der Welle – aber ich will mehr. Ich weiss es geht noch mehr.

Es existiert nur noch dieser Moment. Ich trete ein in eine weitere grosse und für alle Lebewesen des Universums zählenden Wahrheit: Es gibt nur den Moment. Nur die Gegenwart. Zukunft oder Vergangenheit werden zu dem was sie bei bewusster Betrachtung sind: bedeutungslos.

Ich werde belohnt. Die Welle fängt an sich ober mir zu schliessen und plötzlich stehe ich in einem Tunnel aus warmen und vom Sonnenuntergang goldig gefärbten Salzwasser.

Ich weiss nicht mehr ob das stumme und trotzdem schallende Gelächter, dass durch mein Hirn rast wie eine voll besetzte Achterbahn, meines ist oder ob es “ihm”, “Ihr” oder “es” gehört. Aber Thomas, da gibt es doch gar keinen Unterschied. Ok, dann hab ich das auch geschnallt.

Nach dem “Goldtunnel” ergebe ich mich freiwillig und regunglos der schwarzen Unterwelt. Doch bald bin ich wieder in der Gegend, wo Menschen atmen.

Ich paddle aus der Zone, wo die Wellen brechen und sitze inmitten einer unglaublichen Szene. Die Sonne ist knapp davor unterzugehen, Meer und Himmel scheinen in einem Gemisch aus Rot- und Blautönen zu verschmelzen. Ich sitzte mitten drinn im Ursprung. Mitten drinn in unseren alten Wahrheiten.

Was bleibt ist nur Freude und die unbändige Sehnsucht stark zu sein und diese Momente nicht zu vergessen, in der künstlichen Welt, die wir Menschen uns in unseren Selbsthass, unsere Angst und unserer Dummheit errichtet haben.

Gib dich nicht zufrieden mit den Resten, die dirandere übrig lassen. Sei geschmeidig und gefährlich zu gleich, wie ein Tiger. Lass dir deine Träume und unsere Wahrheiten nicht wegkaufen.

Kehre zurück zu unseren Ahnen. Spüre die Lebensenergie, das Risiko, die Freude – das Leben.

Denn das was du suchst ist nicht das, was dir heute die Gesellschaft vermitteln will.

Das wars. Ich muss dich wieder verlassen, denn Arbeit wartet. Doch ich verspreche dir – ich kehre zurück. Zu meinem eigenen Wohl.

 

 

Gefällt? Dann empfehle es an deine Freunde weiter!
  • Print
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Yahoo! Buzz
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • RSS

About Thomas Borstner

Selbständig in Online Marketing. Fotograf. Seit 2006 in Las Palmas de Gran Canaria lebender Österreicher.
This entry was posted in leben der menschen. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>